Kolloquium-Fragen: 12 Beispiele + was 5 Profs fragen

Die Arbeit ist abgegeben, der Termin steht — und im Kopf läuft nur eine Frage: Was werden die mich fragen? Zwölf Beispiele mit Antwort-Strategie.

Kolloquium-Fragen: 12 Beispiele + was 5 Profs fragen

Wochenlang hast du auf diesen Moment hingearbeitet, und jetzt liegt ein Termin im Kalender, an dem du dich vor Leute stellen und über deine eigene Arbeit reden sollst. Die Präsentation kriegst du hin, die kannst du üben. Aber danach kommt der Teil, in dem andere bestimmen, worüber gesprochen wird.

Die Fragen im Kolloquium verteilen sich auf fünf Bereiche: Themenwahl, Methode, Ergebnisse, Grenzen der Arbeit und Ausblick. Geprüft wird, ob du deine eigenen Entscheidungen begründen kannst.

Unten stehen zwölf Fragen, die du dir zurechtlegen kannst , jede mit einem Vorschlag, wie du anfängst. Danach die Fragen zu deiner Forschungsmethode, sortiert nach dem, was du tatsächlich gemacht hast — Interviews, Fragebogen, Statistik, Textanalyse. Dazu, was fünf Professor:innen mir in Interviews über die Fragerunde erzählt haben. Und der Teil, vor dem die meiste Angst besteht: was du sagst, wenn du es nicht weißt.

Eins vorweg. Die Leute da drin kochen auch nur mit Wasser.

⏱ Zeit-Budget: Fragen sammeln und Antworten stichpunktartig notieren: eine Feierabend-Einheit à 45 Minuten. Einmal laut durchsprechen, am besten mit jemandem, der nachbohren darf: noch eine. Wenn es eng ist, mach nur das eine: die zwölf Fragen unten durchgehen und zu jeder einen Satz aufschreiben. Kein anderer Vorbereitungsschritt bringt pro Minute so viel.
Antworten zum Kolloquium aus Sicht von 5 Professor:innen
95 % deines Studiums sind geschafft. Du hast deine Thesis abgegeben. Erst einmal HERZLICHEN GLÜCKWUNSCH! Jetzt steht nur noch das Kolloquium aus. Aber was genau ist das Kolloquium, was kommt da auf dich zu? All deine Fragen werden im Post beantwortet!

Hier geht es nur um die Fragerunde. Wenn du noch weiter vorne stehst — Ablauf, Dauer, Prüfungsordnung, die Zeit zwischen Abgabe und Termin —, dann fang beim großen Beitrag an. Dort steht auch, was passiert, wenn es schiefgeht.

Was sind typische Fragen in einem Kolloquium?

Es gibt keine vorformulierte Prüfliste, die deine Prüfer:innen abarbeiten. Was es gibt, ist eine Logik: Gefragt wird entlang deines Forschungsprozesses. Warum dieses Thema, wie bist du vorgegangen, was kam raus, wo sind die Grenzen, was bleibt offen.

Die gute Nachricht: Du musst nicht raten. Du brauchst zu jeder Station deiner eigenen Arbeit einen Satz, warum du es so gemacht hast und warum nicht anders.

Der Bereich, den viele unterschätzen, ist Nummer vier. Die Grenzen deiner Arbeit selbst zu benennen, bevor jemand danach fragt, ist einer der stärksten Hebel im ganzen Kolloquium. Dazu unten mehr.

BereichWas dahinterstecktTypische Formulierung
1 · ThemenwahlOb das Thema deins ist oder dir zugefallen ist„Wie sind Sie auf das Thema gekommen?"
2 · MethodeOb du verstanden hast, was du da getan hast„Warum diese Methode und keine andere?"
3 · ErgebnisseOb du deine eigenen Daten interpretieren kannst„Was hat Sie am meisten überrascht?"
4 · GrenzenOb du weißt, was deine Arbeit nicht zeigt„Was hätten Sie mit mehr Zeit anders gemacht?"
5 · AusblickOb du in Forschung denkst und nicht nur in Abgabeterminen„Welche Frage bleibt offen?"

12 Fragen und wie du sie beantwortest

Diese zwölf decken die fünf Bereiche ab. Nimm sie als Trainingsliste und schreib zu jeder einen einzigen Satz auf, wie du anfangen würdest. Nicht die ganze Antwort. Nur den Anfang — der Rest kommt von selbst, weil du deine Arbeit ja kennst.

Die FrageWorauf sie zieltDein erster Satz
Wie sind Sie auf das Thema gekommen?Eigenes Interesse oder Zufall?Der konkrete Auslöser: ein Fall aus dem Job, eine Lücke in der Literatur, etwas, das dich geärgert hat.
Inwiefern ist das Thema heute relevant?Praxis- und ForschungsbezugEin aktueller Aufhänger, dazu die Forschungslücke, die du bearbeitet hast.
Welche Theorien und Modelle gibt es zu dem Thema?ÜberblickswissenZwei bis drei zentrale Ansätze nennen und sagen, welchem du gefolgt bist.
Wie wird die Forschungslücke in der Literatur beschrieben?Ob du den Forschungsstand kritisch gelesen hastWer die Lücke benennt, und wo dein Beitrag ansetzt.
Warum war Ihre Methode besser als andere, um die Forschungsfrage zu beantworten?Methodenkompetenz — die KernfrageWas wolltest du wissen? Daraus folgt die Methode. In dieser Reihenfolge antworten.
Wie begründen Sie die Eingrenzung des Themas?Wissenschaftliches Arbeiten unter BedingungenDie Grenze benennen und begründen. Machbarkeit ist ein zulässiges Argument, wenn du es ausspricht.
Welchen Mehrwert bietet die Arbeit für die Fachwelt?EinordnungsfähigkeitEin Satz, was jemand nach deiner Arbeit weiß, was er vorher nicht wusste.
Wie unterscheiden sich die Bereiche A, B und C in Ihrer Arbeit?Ob deine Struktur trägtDie Abgrenzungslogik, die deiner Gliederung zugrunde liegt.
Wie könnte ein Anwendungsbeispiel in der Praxis aussehen?TransferEin konkretes Szenario, gern aus deinem eigenen Berufsalltag.
Warum sind Sie nicht zu Ergebnis XY gekommen?Ob du deine Daten kennstWas deine Daten hergeben. Und was sie eben nicht hergeben.
Sie haben die folgenden Punkte nicht beachtet. Warum?Bewusste Auswahl oder Versehen?„Das habe ich bewusst ausgeklammert, weil …" — vorausgesetzt, es stimmt.
War Ihre Forschungsmethode im Nachhinein die beste Wahl?Selbstkritik ohne SelbstdemontageWas du wieder so machen würdest, plus der eine Punkt, den du heute anders angehst.

Vier davon lohnen in der Vorbereitung mit mehr als einem Satz. Nicht weil sie fachlich schwer wären, sondern weil sich in ihnen potentielle Stolperfallen verbergen.

„Wie sind Sie auf das Thema gekommen?”

Die ehrliche Antwort funktioniert hier am besten: ein Fall aus dem Job, eine Diskussion, ein Ärgernis. Was du vermeiden willst, ist ein nacktes „das Thema wurde mir vorgeschlagen” ohne Fortsetzung. Sonst klingt es, als hättest du ein halbes Jahr an etwas gearbeitet, das dir egal war.

Diese Frage kann allerdings auch ganz anders gemeint sein. Dazu weiter unten ein eigener Abschnitt aus meiner Studienzeit.

„Warum war Ihre Methode besser als andere Methoden?”

Hier wird es fachlich ernst. Die tragfähige Antwort läuft über dein Erkenntnisziel: Wolltest du wissen, wie viel, oder wolltest du wissen, warum? Zählen oder verstehen? Aus dieser Entscheidung folgt die Methode. Wenn du in dieser Reihenfolge deine Präsentation hältst und die Methode erklärst, ist die Frage schon beantwortet, bevor die Nachfrage kommt.

„Sie haben die folgenden Punkte nicht beachtet. Warum?”

Der Reflex ist Rechtfertigung. Hilfreicher ist der Unterschied zwischen ausgelassen und ausgeklammert. Was du bewusst abgegrenzt hast, gehört mit Begründung in die Antwort. Was du übersehen hast, gibst du zu und sagst, wo es hingehört hätte. Beides schlägt den Versuch, im Nachhinein so zu tun, als wäre alles Absicht gewesen. (Prüfer:innen haben schon ein paar hundert Arbeiten gelesen. Die merken das.)

„Warum sind Sie nicht zu Ergebnis XY gekommen?”

Dahinter kann eine Erwartung stecken, die deine Daten nicht bestätigt haben. Das ist kein Problem, ein nicht bestätigtes Ergebnis ist auch ein Ergebnis. Zum Problem wird es erst, wenn du anfängst, deine Zahlen passend zu biegen. Sag, was deine Daten zeigen. Punkt.

Fragen zu deiner Forschungsmethode

Ab hier hängt es davon ab, was du tatsächlich gemacht hast. Interviews geführt, einen Fragebogen ausgewertet, Texte kodiert, mit SPSS gerechnet — jede Methode bringt ihre eigenen Nachfragen mit, und die sind erstaunlich vorhersehbar.

Ich habe die Prüfungsfragen aus vier ausgewerteten Methodenbüchern zusammengetragen, qualitative und quantitative gemischt. Zwei davon drucken am Kapitelende ausdrücklich Prüfungsfragen ab.

Ein Unterschied ist dabei wichtig, und er entscheidet über deine Vorbereitung: Im Lehrbuch steht die Frage als Wissensfrage („Wann setzt man Gruppendiskussionen ein?”). Im Kolloquium kommt sie auf deine Arbeit gemünzt („Warum haben Sie mit Gruppen gearbeitet und nicht mit Einzelinterviews?”). Niemand prüft, ob du das Methodenkapitel auswendig kannst. Geprüft wird, ob du deine Entscheidung erklären kannst.

Deshalb stehen die Fragen unten so, wie sie tatsächlich gestellt werden. Such dir die Zeile raus, die zu deiner Arbeit passt. Der Rest ist nicht deine Baustelle.

Übersicht über die wichtigsten qualitativen Forschungsmethoden
Deine Bachelorarbeit steht an – du willst/musst jetzt forschen – weißt aber gar nicht so genau, was es neben Experteninterview und Beobachtung noch so gibt? Dann wird dir hier geholfen.

Wenn du bei der Methodenbegründung ins Schwimmen kommst, weil dir die Systematik dahinter fehlt - hilft dieser Beitrag.

„How to do empirische Sozialforschung” im Review (93 %)
Claus Brauneckers Gebrauchsanleitung im ehrlichen Test: was sie für Forschungsfrage, Fragebogen und Stichprobe taugt, wo ihre Grenzen liegen — und für wen sie gedacht ist.

Für die quantitative Seite mit Stichproben, Skalen und Auswertung ist How to do empirische Sozialforschung der richtige Einstieg.

Wenn du qualitativ gearbeitet hast

Deine MethodeSo wird gefragt
Interviews
  • Warum haben Sie Einzelinterviews geführt und keine Gruppendiskussion?
  • Warum diese Interviewform — was hätte ein narratives Interview anders gezeigt?
  • Wie haben Sie es geschafft, dass Ihre Gesprächspartner:innen sich geöffnet haben?
  • Ihre Auswertung ist doch subjektiv. Wie sichern Sie da die Qualität?
  • Was von Ihren Ergebnissen gilt über Ihre acht Fälle hinaus?
Gruppen­diskussion
  • Warum war Ihr Thema für eine Gruppe geeignet?
  • Was hat Ihnen die Gruppe gezeigt, was Einzelgespräche nicht gezeigt hätten?
  • Welche Ihrer Fragen ließen sich in der Gruppe nicht klären — und was haben Sie stattdessen gemacht?
  • Warum diese Gruppengröße?
Qualitative
Inhaltsanalyse
  • Wie passen Ihre Erhebungs- und Ihre Auswertungsmethode zusammen?
  • Warum haben Sie Ihre Kategorien vorab gebildet und nicht am Material entwickelt?
  • Woran zeigt sich, dass Ihre Kategorien trennscharf sind?
  • Sie schreiben „die Hälfte der Befragten" bei zwölf Interviews. Warum diese Rechnung?
  • Was haben Sie gemacht, als Ihre Subkategorien im zweiten Durchgang nicht mehr passten?
  • Ihre Ergebnisse zählen auf, wie oft was gesagt wurde. Wo ist die Interpretation?
Sättigung &
Fallauswahl
  • Nach welchen Kriterien haben Sie Ihre Gesprächspartner:innen ausgewählt?
  • Woran haben Sie gemerkt, dass weitere Interviews nichts Neues mehr bringen?
  • Warum haben Sie nach genau dieser Zahl aufgehört?

Wenn du quantitativ gearbeitet hast

Dein BausteinSo wird gefragt
Hypothesen
  • Warum haben Sie Hypothesen aufgestellt statt offen zu forschen?
  • Warum haben Sie Ihre Hypothese gerichtet formuliert?
  • Welchen Effekt hatten Sie erwartet, und woher kam diese Erwartung?
  • Sie haben Ihre Hypothese am selben Datensatz entwickelt und geprüft. Was folgt daraus?
Stichprobe
  • Wie sind Sie an Ihre Teilnehmenden gekommen — und wen schließt dieses Verfahren aus?
  • Ihre Stichprobe ist doch gar nicht repräsentativ.
  • Braucht Ihre Fragestellung überhaupt Repräsentativität?
  • Wie sind Sie auf Ihren Stichprobenumfang gekommen?
Fragebogen
  • Haben Sie Ihren Fragebogen vorher getestet, und was hat der Pretest verändert?
  • Frage 7 legt die Antwort doch nahe. Wie gehen Sie damit um?
  • Warum stehen Ihre Fragen in dieser Reihenfolge?
  • Warum haben Sie keine „weiß nicht"-Option angeboten?
  • Ihre Rücklaufquote liegt bei 18 Prozent. Was heißt das für Ihre Ergebnisse?
Skalen &
Messung
  • Welches Skalenniveau haben Ihre Variablen, und was durften Sie damit rechnen?
  • Sie bilden einen Mittelwert aus Schulnoten. Wie begründen Sie das?
  • Woher wissen Sie, dass Ihr Fragebogen misst, was er messen soll?
Auswertung
  • Was sagt Ihr p-Wert genau aus?
  • Ihr Ergebnis ist signifikant. Ist es auch bedeutsam?
  • Ihr Test wurde nicht signifikant. Heißt das, es gibt keinen Unterschied?
  • Sie schreiben, X führe zu Y. Was spricht dagegen?
  • Wie groß ist Ihr Effekt eigentlich?

So begründest du deine Methodenwahl

Der Unterschied zwischen qualitativer und quantitativer Forschung liegt nicht in der Stichprobengröße und auch nicht in der Software. Er liegt im Forschungsziel. Wer nach dem „Wieviel” fragt, Ergebnisse auszählen und Relationen in Zahlen darstellen will, forscht quantitativ. Wer nach dem „Warum” fragt, Gründe für Einstellungen oder Verhalten ermitteln und Einzelfälle interpretativ analysieren will, forscht qualitativ.

Klingt selbstverständlich. Ist es nicht — denn daraus folgt etwas, das im Kolloquium zählt: Die Methode allein entscheidet gar nichts. Dasselbe Verfahren kann qualitativ oder quantitativ eingesetzt werden, je nachdem, was du damit herausfinden willst. Eine Beobachtung, mit der du auszählst, wie oft etwas vorkommt, ist quantitativ. Dieselbe Beobachtung, mit der du verstehen willst, warum jemand so handelt, ist qualitativ.

Wer also mit „ich habe Interviews geführt, das ist qualitativ” antwortet, hat die Frage noch nicht beantwortet. Die Reihenfolge ist umgekehrt: Das wollte ich herausfinden. Dafür brauchte ich diese Art von Daten. Also habe ich dieses Verfahren gewählt. Drei Sätze, und die Begründung steht — auch wenn jemand die Entscheidung anders getroffen hätte.

Und wenn du beides kombiniert hast, musst du das nicht verteidigen. Die Trennlinie ist durchlässig: Auch eine qualitative Auswertung enthält Schritte, an denen sich sinnvoll quantifizieren lässt. Genau dort setzen Mixed-Methods-Designs an.

🔥 TIPP: Schau nach, aus welcher Auflage du zitierst. Methodenbücher werfen zwischen zwei Auflagen schon mal ganze Systematiken raus, und auf Vorlesungsfolien und in Sekundärliteratur leben die alten Einteilungen munter weiter. Wenn dich jemand nach einer Einteilung fragt, die in deiner Auflage gar nicht mehr steht, ist die beste Antwort nicht das brave Aufsagen, sondern der Hinweis auf den Auflagenstand: „In der Fassung, mit der ich gearbeitet habe, ist das anders gelöst — dort heißt es …" Damit beantwortest du die Frage und zeigst nebenbei, dass du deine Quelle im Griff hast.

Ein Beispiel, falls du mit qualitativer Inhaltsanalyse arbeitest: Die vier Strukturierungs-Varianten stammen bei Mayring aus früheren Auflagen. In der aktuellen von 2022 gibt es sie so nicht mehr.

Was 5 Professor:innen wirklich fragen

Ich habe fünf Professor:innen interviewt. Zwei Juristen, zwei BWLer und eine Erziehungswissenschaftlerin. Gefragt habe ich unter anderem, worauf sie in der Fragerunde achten.

Der Satz, der mich am meisten überrascht hat:

Wenn er oder sie mir das im Kolloquium erklärt und ich begreife es, dann bin ich bereit, die Note der Arbeit nochmal nach oben zu korrigieren.

Prof. Dr. Kai-Marcus Thäsler
FOM Hannover

Im Kolloquium kannst du also nicht nur verlieren. Es klärt auch, ob hinter einer unglücklichen Formulierung in der Arbeit doch das richtige Verständnis steckt.

Man darf Fehler machen. Fehlerfreundlichkeit in der Reflexion gehört zum Handwerkszeug. Wir merken sowieso, wenn da Fehler drin sind — da kann man die besser offen sagen.

Prof. Dr. Birgit Behrensen
Brandenburgische Technische Universität

Ihr Bild vom Kolloquium ist das kollegiale Gespräch, nicht das Verhör: „Richtig begeistert bin ich, wenn das Gegenüber ein Stück weit vergisst, dass es eine Prüfungssituation ist — und versucht, uns mitzunehmen, warum das Thema gesellschaftlich relevant ist."

Ich sehe, die Arbeit ist an den und den Punkten nicht perfekt. — Wenn man es anspricht, hat man immer schon die Sympathie der anderen.

Prof. Dr. Kai-Marcus Thäsler
FOM Hannover

Ein ganz profaner, blöder Tipp vorab: die Arbeit vorher nochmal lesen. Es gibt nichts, was es nicht gibt.

Prof. Dr. Stephan Arens
FOM Hochschule

Das hat er im Interview dreimal gesagt. Es kommt tatsächlich vor, dass jemand die eigene Arbeit nicht mehr parat hat. Dazu: falls die Arbeit thematisch nah an einem Modul liegt, bitte das Modul-Skript wiederholen. Die Grundlagenfragen kommen nämlich aus der Vorlesung, nicht aus deiner Thesis.

Jura Sonderfall

Einen Sonderfall haben viele nicht auf dem Schirm, er kam von Prof. Dr. Wolfram Wirbelauer: Im juristischen Kolloquium wird auf Grundlage des Rechtsstands zum Prüfungstag bewertet, nicht zum Abgabetag. Zwischen Abgabe und Termin können Urteile oder Gesetzesänderungen deine Ergebnisse verschieben, und genau danach fragen Prüfer:innen gern. Also vorher nochmal recherchieren. Und das Gesetzbuch mitbringen, es ist zugelassenes Hilfsmittel.

Wenn du die Antwort nicht weißt

Diese Sorge lässt sich leichter entschärfen als jede andere. Die Alternative zum Nichtwissen ist Raten, und Raten kommt dich deutlich teurer.

Die Regel aus dem Präsentations-Lehrbuch ist eindeutig: offen zugeben, dass du die Frage nicht beantworten kannst, und anbieten, die Angabe im Nachgang nachzureichen. Die Falle ist das Weiterreden, bei dem du dich einer fehlerhaften Aussage überführen lässt.

Prof. Dr. Wirbelauer hat mir dasselbe aus der Prüfungspraxis beschrieben, mit einer Beobachtung dazu: Schriftlich lägen oft die besonders sorgfältigen Studierenden vorn, mündlich punkte dagegen, wer souverän sagt „Augenblick, ich gucke das nach”. Nachschlagen ist ausdrücklich erwünscht. Unsicherheit kostet mehr als die Lücke.

Drei Sätze, die du dir merken kannst

„Das kann ich Ihnen aus dem Stand nicht sagen — ich reiche die Zahl gerne nach."

„Das ist ein guter Punkt, den ich so nicht geprüft habe."

„Einen Moment, das schaue ich kurz nach."

Wenn die Frage unangenehm wird

Manche Fragen dienen nicht dem Verständnis, sondern transportieren eine Meinung. Ich habe das selbst erlebt, ausgerechnet an der harmlosesten Frage der ganzen Liste: "Wie sind sie auf das Thema gekommen?".

Ich habe meine Arbeit im eigenen Unternehmen geschrieben, und der Zweitprüfer kam ebenfalls von dort (nicht von mir gewählt - von der FH ausgewählt). Der fand meine Idee schlicht furchtbar. Das war in der Bewertung zu spüren und im Kolloquium auch. „Wie sind Sie denn auf diese Idee gekommen?” hieß in dem Raum nicht: erzählen Sie mal. Es hieß: wie kommt man auf so einen Unsinn.

Worum ging es? Ich war bei der Zusammenlegung von Commerzbank und Dresdner Bank dabei (2009). Zwei Unternehmen mit völlig unterschiedlichen Kulturen, die von einem Tag auf den anderen eins sein sollten. Dazu noch diverse Neuerungen und neue Prozesse, die man lernen musste. Noch Jahre später wurde in Gesprächen gefragt, ob jemand „von der Dresdner” oder „von der Commerzbank” kommt. Meine These war: Wenn man in so einer Lage etwas einführt, das für beide Seiten neu ist (in dem Fall agile Methoden als ungewünschten Endgegner) dann entsteht ein Wir-Gefühl und überwindet potentiell Widerstände gegenüber dem Neuen einfacher. 10 Jahre später wurden in der Zentrale der Commerzbank übergreifend agile Methoden eingeführt. Mein Zweitprüfer hielt davon gar nichts. Ein Jahr später hatte ich mein Kolloquium.

Was in so einer Situation hilft, ist Ruhe. Ich habe mich auf meine eigene Erfahrung aus den beiden Zeitspannen zurückberufen und das in Worte gefasst. Man kann unterschiedlicher Meinung sein, das ist vollkommen in Ordnung. Aber genau da zahlt es sich aus zu wissen, was du gemacht hast, warum du es gemacht hast und wie du auf die Idee gekommen bist. Wer das ruhig und belegt darlegt, verliert die Situation nicht. Auch wenn das Gegenüber anderer Meinung bleibt.

Die Provokationsfrage

Es gibt auch die gezielte Provokation, und die ist ein Test. Prof. Dr. Frank Tubbesing hat mir im Interview 2021 seine Standardfrage verraten, mit der er Kandidat:innen gern aus der Reserve lockte:

Seien Sie mir nicht böse, aber Ihre Experten sind für mich keine Experten. Was sagen Sie dazu?

Prof. Dr. Frank Tubbesing
FOM Hochschule

Die falsche Reaktion wäre, die eigenen Interviewpartner:innen zu verteidigen, als ginge es um deren Ehre. Die Verteidigung läuft über das wissenschaftliche Prinzip: In deiner Arbeit steht definiert, was du unter einem Experten verstehst, und nach welchem Schema du ausgewählt hast. Genau das trägst du vor. Du verteidigst nicht die Person, sondern dein Verfahren.

Dasselbe Muster funktioniert bei allen Angriffen: versachlichen und thematisch einordnen. Auf einen Streit lässt du dich auf keinen Fall ein. Und lange Zweiergespräche mit einer einzelnen Person sind auch ungünstig, weil sie das übrige Gremium ausschließen.

Für Wertungsfragen, auf die es kein Ja oder Nein gibt („Ist Ihr Ansatz eigentlich nachhaltig?”), gibt es ein Werkzeug, das in 60 Sekunden durchläuft: das Fünfsatz-Modell.

  • Erster Satz Einstieg, also der Status quo.
  • Sätze zwei bis vier die Erklärung:
    • Was ist?
    • Was müsste sein?
    • Wie kommt man dahin?
  • Fünfter Satz die Folgerung.

Klingt schematisch. Vorgetragen klingt es wie eine vorbereitete Position, und das schlägt Stottern allemal.

So bereitest du dich auf die Fragen vor

Die Frage, die dir am meisten wehtut

Fang mit dem an, was du am liebsten überspringen würdest. Geh deine Arbeit durch und frag dich nicht, welche Frage kommen könnte, sondern: Was ist die unangenehmste Frage, die ich mir selbst stellen würde? Du weißt genau, wo dein blinder Fleck sitzt. Die dünne Stelle im Methodenteil, die Stichprobe, über die du nicht so gern redest, das Kapitel, das du zum Schluss noch schnell fertiggeschrieben hast.

Genau darauf bereitest du dich zuerst vor. Nicht auf die zwölf Standardfragen — die kannst du sowieso. Auf die eine, bei der es wehtut.

Das ist übrigens auch die Empfehlung aus dem Präsentations-Lehrbuch, nur freundlicher formuliert: potenzielle kritische Fragen und die Schwachstellen der eigenen Studie im Vorfeld durchdenken, inklusive abweichender Meinungen. Die Prüfungsberatung der Universität Stuttgart rät zusätzlich, die Forschungsschwerpunkte der Prüfer:innen vorher nachzuschlagen. Wer weiß, woran jemand selbst forscht, ahnt ziemlich genau, wo die Nachfrage kommt.

Der Fragenkatalog, den dein Gutachter schon benutzt hat

Es gibt eine Abkürzung. In den Standardwerken zum wissenschaftlichen Arbeiten steht der Kriterienkatalog, nach dem Arbeiten beurteilt werden, und er ist dort als Fragenliste formuliert: Sind die Ergebnisse klar formuliert? Harmonieren sie mit der Fragestellung? Sind sie folgerichtige Schlussglieder von Argumentations- und Belegketten, und sind sie in sich widerspruchsfrei?

Das sind Bewertungskriterien. Es sind aber auch genau die Fragen, die im Kolloquium kommen, wenn beim Lesen etwas davon aufgefallen ist. Geh den Katalog einmal gegen deine eigene Arbeit durch. Wo du zögerst, hast du deinen nächsten Vorbereitungspunkt gefunden.

Karteikarten: dreimal drei

Für die Antworten funktionieren A5-Karteikarten am besten. Pro Bereich eine Karte, maximal neun Stichworte, angeordnet als dreimal drei. Keine ausformulierten Sätze — die merkst du dir sowieso nicht, und abgelesen klingen sie tot. Aber es reicht, um sich einen roten Faden zurechtzulegen.

Den Tipp habe ich aus einem Rhetorik-Training bei Nerissa Rothhardt mitgenommen. Wenn du beim Reden generell unsicher bist, ist so ein Training gut investiert.

Kolloquium-Präsentation: Aufbau & Beispiel (5 Profs)
Die Arbeit ist abgegeben, der Termin steht — und 60 Seiten sollen in 15 Minuten passen. Aufbau, ein Beispiel in 12 Folien und was 5 Profs erwarten.

Und wenn die Präsentation selbst noch nicht steht: Aufbau Folie für Folie, ein durchgespieltes Beispiel und eine Vorlage zum Runterladen findest du in Kolloquium-Präsentation: Aufbau und Beispiel.

Einmal laut, mit jemandem, der nachbohrt

Lesen reicht nicht. Sprich die Antworten einmal laut aus, am besten vor einer Person, die nachfragen darf.

Wenn niemand zum Üben da ist, tut es auch eine KI als Sparringspartner. Lass sie die Rolle der Prüferin übernehmen, zehn kritische Fragen zu Methode, Daten, Theorie und Limitationen stellen und nach jeder deiner Antworten Feedback geben. Der Effekt liegt weniger in den Fragen als im Feedback — und darin, dass du einmal laut geantwortet hast, bevor es zählt.

Und das Profanste zum Schluss

✅ To-do: Lies deine Arbeit vorher noch einmal. Wiederhole das Modul-Skript. Und wenn du Jura schreibst: Recherchier den aktuellen Rechtsstand und nimm dein Gesetzbuch mit.

Häufige Fragen

Was wird im Kolloquium abgefragt?

Im Kolloquium werden fünf Bereiche der Abschlussarbeit abgefragt: die Themenwahl, die Forschungsmethode, die Ergebnisse, die Grenzen der Arbeit und der Ausblick. Der Schwerpunkt liegt auf Methode und Ergebnissen. Geprüft wird die Fähigkeit, die eigenen Entscheidungen zu begründen, nicht die Wiedergabe des Forschungsstands.

Wie viel Prozent zählt das Kolloquium?

Der Anteil des Kolloquiums an der Abschlussnote ist in der jeweiligen Prüfungsordnung geregelt und unterscheidet sich zwischen Hochschulen erheblich. In manchen Ordnungen sind Abschlussarbeit und Kolloquium getrennte Prüfungsleistungen mit eigener Note, in anderen ist das Kolloquium Teil der Abschlussarbeit. Eine allgemeingültige Prozentangabe existiert nicht.

Was sagt man, wenn man eine Frage im Kolloquium nicht beantworten kann?

Die Fachliteratur zur Prüfungssituation empfiehlt, offen zuzugeben, dass die Frage nicht beantwortet werden kann, und anzubieten, die Angabe im Nachgang nachzureichen. Als Fehler gilt das Weiterreden ohne gesichertes Wissen, weil es zu falschen Aussagen führt, auf die man später festgelegt wird. Wo Hilfsmittel zugelassen sind, ist Nachschlagen die bessere Variante.

Wie bereitet man sich auf die Fragen im Kolloquium vor?

Zur Vorbereitung gehört, die eigene Arbeit auf Schwachstellen durchzugehen und zu jedem Kapitel die kritischen Rückfragen zu formulieren, die dazu möglich sind. Die Antworten werden stichpunktartig notiert, zum Beispiel auf Karteikarten mit wenigen Stichworten pro Karte, und anschließend laut durchgesprochen. Ergänzend wird empfohlen, die eigene Abschlussarbeit vor dem Termin noch einmal vollständig zu lesen.


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Belege & Zitationen

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